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 Die fünf Arten von Autoren

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BeitragThema: Die fünf Arten von Autoren   Mi Okt 12, 2016 12:08 am

Die Stilisten
Stilisten liest man um des Lesens Willen. Sie können unglaublich gut mit Sprache umgehen, haben einen gewaltigen Wortschatz und finden für jede Situation, jede Gefühlsregung, jeden Charakter die treffende Formulierung. Mein Lieblingsbeispiel für einen guten Stilisten ist kein klassischer Schriftsteller, sondern ein Philosoph: Friedrich Nietzsche. Selbst seine inhaltlich unspektakulärsten Texte können eine Musikalität entfalten, wie sie nicht einmal viele Gedichte haben. Seine Sprache klingt und es ist nicht nur ein Genuss sie zu lesen, sondern sie auch zu sprechen. Ein Karl May-Experte meinte mal, er möge May so, weil er einer der wenige guten deutschen Erzähler sei, während deutsche Schriftsteller eher als gute Stilisten bekannt seien. Beispiele dafür sind vor allem Thomas Mann und Hermann Hesse. Viele Stilisten sind gute Beobachter und Beschreiber, dafür seltener gute Erzähler und Ideenreiche.

Die Erzähler
So sehr ich sprachliche Kunstfertigkeit schätze, eine spannende 08/15-Story ziehe ich immer noch einem stilistisch perfekten Innerlichkeitsroman vor. Die Stilisten mögen die sein, die das Lesen zu einem Genuss machen, doch die Erzähler sind diejenigen, die es zu einem wirklichen Spaß machen, mit dessen Figuren wir am meisten mitfiebern und die uns bei unserem ersten Kontakt mit Büchern Lust aufs Lesen machen. Erzähler sind es, wegen denen Menschen Sätze sagen wie: Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen; ich habe es in einer Nacht durchgelesen; ich war traurig, als es zu Ende war. Kinder- und Jugendliteratur ist oft gut erzählt, weshalb ich durchaus verstehen kann, warum sie auch von Erwachsenen gelesen wird. Ich teile daher nicht die Haltung, Kinderbücher nicht als ernsthafte Literatur anzusehen; ich lese Paul Maar genauso gerne wie Bertolt Brecht. Gute Erzähler sollte man nie gering schätzen. Jeder, der typische Bestseller-Literatur kennt, weiß aber auch, dass Erzähler oftmals keine stilistischen Feingeister sind, dass ihre Geschichten zwar actionreich sind, die Figuren dafür aber flach wirken können. An erster Stelle wird meist Ernest Hemingway als guter Erzähler genannt, ich habe mich bei ihm allerdings oft gelangweilt. Die besten Erzähler sind für mich Isaac Asimov, Roald Dahl und Lion Feuchtwanger.

Die Ideenreichen
Ich habe ein starkes Faible für Autoren mit vielen Ideen: Sie überraschen einen fortwährend mit aberwitzigen Handlungsbögen, großartigen Pointen, hochoriginellen Betrachtungen oder abgefahrenen Szenarios. Bei den Ideenreichen kommt das Denken in Gang, denn sie führen unsere Vorstellungskraft an Orte, auf die wir von allein gar nicht gekommen wären. Wer gute Fantasy, Science Fiction oder phantastische Literatur schreiben will, muss gute Ideen haben. Der Nachteil der Ideenreichen ist, dass sie sich oft allein auf ihre Originalität verlassen und eine Idee die an die nächste reihen, ohne daraus eine konsistente Geschichte zu formen. Dafür sind sie oft gute Beschreiber. Klassische Beispiele sind Douglas Adams und Terry Pratchett.

Die Beschreiber
Den Beschreibern kommt es weniger auf eine rasante Handlung oder auf viele originelle Ideen an, oft ist das Szenario bei ihnen die Hauptperson. Wortreich und detailliert schildern sie die Eigenarten von Personen, die Rituale einer Religion, die Inneneinrichtung von Zimmern, die üppige Fauna der Wildnis, die Regeln einer sozialen Schicht oder die Funktionsweise von Maschinen. Zeiträume, die bei Erzählern in einem Halbsatz übersprungen werden, können sich bei ihnen endlos in die Länge ziehen, jede Handlung, jede Regung der Gestik oder Mimik wird genüsslich in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt. Das kann schnell ermüdend werden, es sei denn, Beschreiber haben viele Ideen oder sind gute Beobachter oder gute Stilisten. Wer ein guter Beschreiber und Ideenreicher ist, den charakterisiere ich als „Fabulierer“ (z.B. Walter Moers). Guter Beschreiber und gute Stilisten hingegen ergeben zusammen „Atmosphäriker“ (z.B. H.P. Lovecraft). Das Erzählen geht den Beschreibern leider manchmal ab, aber wer es schafft, über zehn Seiten das Ticken einer Uhr oder die Verfärbung des Himmels zu schildern, ohne das man sich langweilt, vor dem habe ich höchsten Respekt. Es ist nicht schwer, viele Details aneinanderzureihen, aber wirklich gute Beschreiber sind selten. Beispiele: J.R.R. Tolkien, Siegfried Lenz, Dan Simmons.

Die Beobachter
Beobachter dringen ins Innere, wo Beschreiber beim Äußeren geblieben sind. Statt Zustände festzuhalten, erforscht der Beobachter Prozesse, Verhaltensweisen und emotionale Schattierungen. Beobachter sind daher meist gute Psychologen (in einem nicht-klinischem Sinne). Sie durchschauen, wie die Welt tickt, welche Absurditäten unter der Oberfläche lauern und warum wir die Dinge tun, die wir tun. Oft habe ich bei guten Beobachtern das regelrechte Bedürfnis, einzelne Sätze in Stein zu meißeln, weil sie so wahr sind, weil sie Dinge offenbaren, die man von selbst bislang höchstens spüren, aber nicht formulieren konnte. Daher sind gute Beobachter auch diejenigen Literaten, die einem am meisten „bringen“, sie können das eigene Denken und Handeln grundlegend verändern, weil sie uns entscheidende Einsichten über uns selbst und unsere Mitmenschen ermöglichen. Gute Beobachter sind oft gute Beschreiber und Stilisten, das Erzählen liegt ihnen weniger im Blut. Beispiele: Max Frisch, Fjodor Dostojewski, Lion Feuchtwanger.

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